PsychoSomaDoc auf’s Ohr…

Liebe PsychoSomaDoc-Leser,

vielen Dank für Euer bisheriges Interesse. Der PsychoSomaDoc hat seinen Service hier schnell wieder eingestellt. Der Grund: Er bereitet gerade seinen Podcast zur Psychosomatik vor und Ihr werdet alle eingeladen, ihm dort weiter zu folgen. EIN WENIG GEDULD BITTE NOCH!
Würde uns freuen, wenn Interesse besteht – wird natürlich alles wesentlich akustischer und lebhafter als hier.
Alle weiteren INFOs ganz bald an dieser Stelle!

Viele Grüße, auch vom PsychoSomaDoc.

PS.: Es tut ihm leid, dass er plötzlich einfach weg war. Eure eingegangenen Themenvorschläge verbrät er auch gerne im Podcast.

Über den Medizinjournalismus der WELT

von Harald Winter HA.WI-ART@t-online.de

Am 19. März 2013 erschien in der Printausgabe der WELT der Artikel Das lukrative Geschäft mit den Depressionen.

Dieser Artikel ist so übersäht mit Fehlern, die einem psychosomatisch oder psychotherapeutisch versierten Mediziner ins Auge springen, bis es weh tut. Zu dem Schmerz gesellt sich Hoffnungslosigkeit. Wie soll jemals die Informationsvermittlung besser werden, wenn solche Texte in s.g. Qualitätsmedien kursieren. Meinen kleinen Teil möchte ich im Folgenden leisten mit ein paar Anmerkungen von “zwischen den Zeilen”:

Direkt die ersten zwei Sätze:

Marcel Schneider* sitzt in einem Eiscafé in einer Einkaufspassage in einem Vorort Kölns, und trinkt heiße Zitrone. Wer Schneider kennenlernt, würde nie vermuten, dass er unter Depressionen leidet.

Jetzt könnte der gemeine Tatort-Fan sich fragen, wie man von der heissen Zitrone auf eine Depression schließen kann. Man könnte auch überlegen, ob Sauer nicht lustig macht, und deshalb würde man nie vermuten, dass Marcel Schneider unter einer depressiven Erkrankung leiden könnte. Wie auch immer – ein selten blöder Satz. Dass man einem Menschen eine depressive Erkrankung nicht ansieht, sollte längst zu jedem durchgesickert sein. Ich betone es für die WELT-Redaktion nochmals: Es ist normal, dass man einem an einer Depression erkrankten Patienten sein Leiden nicht ansieht, wie man einem Blutdruckkranken seinen Blutdruck nicht ansieht.

Anette Dowideit und  meinten das wohl so (Fortsetzung vom Zitat oben):

Der Mittvierziger – er ist Arbeitnehmervertreter bei einem Dax-Konzern – wirkt schon allein durch seine Körpergröße stark.

Achso, verstehe. Der wirkt stark. Groß und stark. Na, das hätte ich ja auch nicht gedacht, dass der eine Depression haben könnte. Und als Arbeitnehmervertreter bei einem potenten Dax-Konzern ist man doch nicht niedergeschlagen und schwach. Liebe WELT-Redaktion: Dieser Widerspruch ist ja GERADE ein möglicher Faktor für eine depressive Erkrankung. Weil eigene Bedürfnisse und Begehrlichkeiten nicht ausgelebt werden “dürfen”, sondern man hilfsbereit, engagiert und vorbildlich wirkt. Im Inneren könnten sich dann als unbewusster Wunsch nach Versorgung oder danach, mal aggressiv sein zu dürfen, depressive Symptome entwickeln. Wo man doch eigentlich so stark und lässig auf andere Menschen wirkt…

Der nächste Stolperstein:

Schneider leidet unter endogenen Depressionen, also solchen, die unabhängig von äußeren Ereignissen immer wieder kommen.

Gibt es schlicht nicht. Eine unglaubliche Behauptung. Die Einteilung in exogene und endogene Depressionen einmal ausser Acht gelassen: Das Gehirn ist unser Kommunikationsorgan. Über unser Gehirn und die Funktionen unserer Psyche verbinden wir uns mit unserer Umwelt. Wir gehen Beziehungen ein, lösen Beziehungen, verlieren geliebte Menschen, geraten in Krisen, sind traurig, verletzt, könnten traumatisiert werden. Das alles beeinflusst unser Seelenleben. Das hat Einfluss auf unsere innere Welt. Und endogene Depressionen kommen UNABHÄNGIG von äußeren Ereignissen immer wieder? Unabhängig? Als wenn das Herz ganz unabhängig von Übergewicht, Rauchen und Cholesterinerhöhung einen Herzinfarkt bekommt. Wie könnte man belegen, dass der Infarkt auch ohne Rauchen gekommen wäre? Wer rechnet bei der Depression, die unabhängig von äußeren Ereignissen kommt, diese ganzen zwischenmenschlichen Einflüsse heraus? So etwas sind Fantasien, vielleicht sind diese Behauptungen Wunschdenken. Gegen Depressionen, die sowieso immer wieder kommen bin ich machtlos. Also kann alles bleiben wie es ist!?

Ein Zitat muss unbedingt noch erwähnt werden, aus dem letzten Absatz des Artikels:

Bei ihrer Einstellung hat sie mit gutem Grund verschwiegen, dass sie schon drei depressive Episoden hinter sich hatte und noch immer Antidepressiva nimmt: …

Liebe Anette Dowideit und , wieso halten Sie das für erwähnenswert? Ist es nicht völlig normal, einem neuen Arbeitgeber nicht die komplette eigene Krankengeschichte aufzudrängen? Oder denken Sie vielleicht irgendwie doch so ein ganz kleines Bisschen, dass ein depressiver Mensch, der “noch immer Antidepressiva nimmt”, ein Aussätziger ist?

Vertrauen in der Beziehung von Patient und Arzt

In der ambulanten Gruppentherapie:

Herr Müller: “Ich wollte sagen, ich war letzte Woche nicht zur Sitzung hier, da die Bahn nicht gefahren ist, nur dass Sie bescheid wissen”.

PsychoSomaDoc: “Ich kann mir vorstellen, dass Sie das geärgert hat”.

Herr Müller: “Ne, war nicht schlimm. Ich mein’ ja wegen der Ausfallgebühr. Die 20 Euro nochwas. Konnte ich ja nichts zu, dass die Bahn nicht fuhr.”

(Es gibt eine feste Vereinbarung zu den Rahmenbedingungen einer Gruppentherapie, aus denen hervorgeht, dass bei Nichterscheinen ein Ausfallhonorar von 20,23 Euro fällig wird, da die Krankenkasse bei Fernbleiben nicht für den fest geplanten und belegten Platz zahlt. Nicht erhoben wird die Gebühr in unserer Klinik bei Krankmeldung und Absage mindestens 24 Stunden vorher.)

PsychoSomaDoc: “Da konnten Sie nichts daran ändern, dass die Bahn ausfiel. Die Teilnahmevereinbarung gilt aber auch in diesem Fall. Ich kann ja auch nichts dafür, dass die Bahn nicht gefahren ist.

Herr Müller: “Ja aber in so einem Fall muss doch die Gebühr erlassen werden, Sie wissen doch, dass ich wenig Geld habe.”

PsychoSomaDoc: “Sie würden sich mehr finanzielle Unterstützung von mir als ihr Arzt wünschen und mehr Verantwortung abgeben wollen? “

Herr Müller: “Und wenn ich nicht zahle, schmeissen Sie mich dann aus der Gruppe?”

PsychoSomaDoc: “Es ist Ihre Entscheidung, sich an die Vereinbarungen zu halten oder die Gruppe zu verlassen, sofern Sie die Regelungen nicht akzeptieren möchten.” (Dieser Satz ist wohlwollend und ganz ernst gemeint.)

Herr Müller: “Also diese Erpressung ist ja schon fast Trickbetrügerei, das haben Sie schon öfter abgezogen.”

PsychoSomaDoc: “Dann würde es sich jetzt vielleicht lohnen einmal darüber nachzudenken, ob es sinnvoll ist, sich von einem Trickbetrüger behandeln zu lassen.”

Influenza Grippe 2013

Die Grippewelle 2013 wütet in vollen Zügen. Insbesondere im Osten Deutschlands, inzwischen aber auch in den westlichen (Karnevals-) Regionen ist die Aktivität des leicht durch Tröpfchen übertragbaren (Niesen, Husten) Influenza A- und B- Virus in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen. Aktuelle Infos zur Verbreitung der Infektionskrankheit sind jederzeit beim Robert-Koch-Institut online abzurufen.

Wichtig zu verstehen ist, dass die saisonale Grippe keine Erkältung oder kein Schnupfen ist. “Mich hat’s erwischt, ich trinke erstmal einen heißen Hustentee” ist kein Zitat eines Grippekranken. Der mit Influenza (so heißen die auslösenden Viren) angesteckte Patient wird nach etwa 1-3 Tagen nach Kontakt mit dem Virus schlagartig, innerhalb von 30-60 Minuten schwer krank mit Schüttelfrost, Schwäche und im Verlauf dann Fieber, meist über 39°C. Es kommt teilweise zu rinnender Nase und einem trockenen Husten sowie Kopfschmerzen. Auch Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle sind möglich. Ganz typisch ist das Gefühl, schwer krank zu sein und praktisch gar nicht mehr aufstehen zu können in den ersten Tagen.

Das H1N1-Virus (Schweinegrippevirus)

Das H1N1-Virus (Schweinegrippevirus)

Das Influenza-Virus liebt kaltes, trockenes Wetter und kann unter diesen Bedingungen lange in Tröpchenform in der Luft oder an Gegenständen überleben. Wir unterscheiden verschiedene Arten: Die Influenza A-Viren (H5N1 und H1N1), die eher ausgeprägte Symptome wie oben beschrieben auslösen. Das H1N1-Virus ist uns aus den Medien noch bekannt, es wurde im Jahr 2009 als so genanntes Schweinegrippe-Virus bezeichnet. Es gibt H1N1 jetzt noch als saisonale Grippe, die Medien interessieren sich jedoch nicht mehr dafür, da er damals wie heute nur sehr gefährlich ist, wenn Vorerkrankungen wie Asthma oder eine Herzerkrankung bestehen oder eine persönliche genetische Veranlagung. (Hieran wird deutlich, wie sehr uns die Medien in Fragen der Gesundheitsgefährdung und der Krankheitsangst steuern.) Das Influenza B-Virus löst auch eine Grippe aus, die jedoch eher leicht verläuft (ähnlich einer ausgeprägten Erkältung). Influenza C führt grundsätzlich eher zu milden Erkrankungsverläufen.

Sollten Sie erkranken, bewahren Sie zunächst einmal die Ruhe. Das Wichtigste ist die körperliche Schonung, die der Körper unmissverständlich verlangt. Trinken Sie viel, auch wenn es aufgrund der Schwäche schwer fällt. Nehmen Sie, insbesondere wenn Sie Vorerkrankungen haben, Kontakt zu ihrem Hausarzt auf. Er bespricht mit Ihnen, ob ein Abstrich auf Grippe nötig ist. Sollte er positiv ausfallen, wäre dieser Befund dem Gesundheitsamt namentlich meldepflichtig zur Seuchenprophylaxe – also um die Ausbreitung der Grippe möglichst einzudämmen.

Wenn Sie – abgesehen von der Grippe gesund sind – müssen keine besonderen medizinischen Maßnahmen eingeleitet werden, ausser (bei Bedarf) der medikamentösen Senkung des Fiebers. Haben Sie schwere Krankheiten, kann in den ersten 48 Stunden mit dem Antivirenmittel Tamiflu behandelt werden – sprechen Sie mit ihrem Arzt.

Die akute Erkrankung dauert 5-7 Tage an, dann sollten Sie entfiebert sein. Dauert das Fieber weiterhin an, kann es zu einer zusätzlichen Infektion (z.B. der Nasennebenhöhlen, der Bronchien oder des Mittelohres) gekommen sein und es würde in einigen Fällen (je nach ärztlichem Befund) eine antibiotische Therapie notwending.

Der akuten Phase schließt sich eine, im Unterschied zu den Erkältungskrankheiten, lang andauernde Rekonvaleszenz (Erholungsphase) an, in der man sich meist mehrere Wochen deutlich leistungseingeschränkt fühlt. Es ist wichtig, sich weiter zu schonen und keinen Sport zu treiben. In dieser Phase kann es auch zu Antriebsmangel und depressiven Verstimmungen kommen, da durch die eingeschränkte Belastbarkeit auch im psychosomatischen Sinne die “Kränkung” durch die Grippe und die Schwäche  deutlich wird.

Es macht Sinn, sich in der Erholungszeit unter weiterer Schonung gesund zu ernähren, und sehr langsam mit etwas Aktivierung (Spaziergänge, Freunde treffen) zu beginnen. Gönnen Sie sich auch etwas für Ihre Seele: Ein guter Film, eine nettes Buch oder ein interessantes Blog können Sie auf andere Gedanken bringen. Lassen Sie sich nicht von Arbeitskollegen oder Vorgesetzten unter Druck setzen, die oftmals nicht verstehen, weshalb man mit einem “Schnupfen” mehrere Wochen arbeitsunfähig sein kann. Dies ist ein großes Mißverständnis: Viele Menschen wissen nicht, wie schwerwiegend eine Grippe-Erkrankung verlaufen kann, da sie selber nie eine durchgemacht haben.

Eine Impfung schützt prinzipiell vor allen saisonalen (also den jährlich leicht veränderten) Grippe-Erregern, sie kann für den folgenden Winter ab Herbst 2013 bei den Hausärzten verabreicht werden.

Welche Erfahrungen habt Ihr mit der Grippe und der Reaktion von Kollegen oder Freunden gemacht – hat man Euren Gesundheitsszustand richtig eingeschätzt?

Gute Gesundheit bzw. gute Besserung, Euer PsychoSomaDoc

Freiheit und Abhängigkeit – ein Widerspruch?

"Freiheit in Geborgenheit"

“Freiheit in Geborgenheit”

Wir Deutschen streben nach Freiheit und Unabhängigkeit. Abhängigkeit wiederum betrachten wir als Einschränkung und Behinderung bei der Selbstverwirklichung.

Der Japanische Arzt und Psychoanalytiker Takeo Doi zeigt mit seiner Beschreibung des in Japan von ihm benannten “Amae”, dass wir in der westlichen Welt einen wichtigen Teil unserer Bedürfnisse unbewusst suchen und ausleben. Der japanische Begriff “Amae” beschreibt das gleichzeitige Bedürfnis nach FREIHEIT und ABHÄNGIGKEIT. “Amae” wörtlich übersetzt heisst etwa “Freiheit in Abhängigkeit”. In Deutschland suchen die meisten Menschen auf bewusster Ebene nur nach Freiheit. Dabei erscheint es sinnvoll, dass das Freisein nur genossen werden kann, wenn wir uns einer Geborgenheit (Abhängigkeit) sicher sind.

Dies lässt sich aus unserer Entwicklung heraus verstehen, sofern wir sie psychoanalytisch betrachten: Wir alle waren als Säuglinge und Babys von unseren Eltern oder anderen Bezugspersonen abhängig. Ohne dass man uns gefüttert hätte und uns gewindelt hätte, hätten wir wahrscheinlich nicht überlebt. Dann entwickelten wir im Laufe der Jahre die rationelle Fähigkeit, uns selbst zu versorgen. Doch der tiefe innere Wunsch nach einem wohlwollenden und geborgenen Abhängigkeitsverhältnis zu einem Menschen bleibt in der Tiefe vorhanden. Gemeint ist hier eine gelungene Abhängigkeit.

Wir alle sind auf “Amae” (Freiheit in Geborgenheit) angewiesen, damit wir uns als Babys entwickeln können und uns doch unserer Versorgung sicher sein können. Später streben wir unbewusst eine Wiederholung einer Abhängigkeitsbeziehung an, in der wir auch frei sein wollen. Die Japaner erleben die Seite der Abhängigkeit in ihren Wünschen viel bewusster als wir, daher haben sie ein eigenes Wort dafür. Wir stellen Freiheit und Individuation sehr viel stärker in den Mittelpunkt der Gesellschaft als erstrebenswertes Ziel.

“Amaeru” ist das Verb zu Amae und heißt soviel wie “sich anlehnen” oder “sich verwöhnen / versorgen lassen”. In diesem Sinne viel Spaß noch und einen schönen Tag!

Euer PsychoSomaDoc

“Was habe ich denn nun?” – Über Diagnosen in der Psychotherapie

Viele Patienten, die sich bei mir zur psychosomatischen Erstuntersuchung vorstellen oder schon länger in die psychotherapeutische Diagnostik kommen, fragen nach ihrer psychischen Diagnose. Eine genaue Diagnosestellung ist zweifellos wichtig, zum einen um die geeignete Therapieform zu ermitteln und die Therapie zu planen, als auch für die Abrechnung mit den Krankenkassen.

Im Kontakt zwischen Patient und Therapeut zeigte sich jedoch, dass die genaue Diagnose, z.B. “mittelgradige depressive Episode” oder “emotional-instabile Persönlichkeitsstörung” mehr Gerümpel ist, das den Weg versperrt statt hilfreiche Transparenz in der Behandlung darzustellen.

Man kann sich das in Deutschland herrschende Diagnosesystem (namens ICD) wie ein Schubladenelement vorstellen, dass nach sehr statischen Kriterien erstellt ist: Treffen bestimmte Merkmale auf die im Augenblick der Untersuchung geschilderten Symptome des Menschen zu, so passt er in die entsprechende Schublade. An diesem Beispiel kann man erkennen, wie sich die Schublade “Depression” mit Unterteilungen in leichte, mittlere und schwere Episode aufteilt.

Viel wichtiger ist jedoch im Rahmen der Psychotherapie: Warum reagiert gerade dieser Mensch in der aktuellen Lebensphase mit gerade jenen Beschwerden und eventuell dieser psychischen Erkrankung. Was sind seine frühen biographischen Erfahrungen. Welche aktuellen Ereignisse, Erlebnisse und Beziehungen führen zur Aufrechterhaltung der Symptomatik. Zu all diesen wichtigen Fragen, die zur Behandlung elementar sind und in der Kommunikation von Patient und Therapeut eine große Rolle spielen sollten, schweigt das Diagnosesystem sich aus.

Dazu kommt, das die Kriterien, die für eine bestimmte Diagnose sprechen, sich im Laufe der Zeit verändern und ein Patient z.B. während einer Psychotherapie die Schubladen wechselt. Da psychische Diagnosen (Kapitel F der ICD-10) immer noch zur Stigmatisierung der Betroffenen führen können, sollte man Diagnosen, die man als Patient gesagt bekommt oder die man als Arzt / Therapeut jemanden mitteilt mit Vorsicht und etwas Distanz “genießen”. Symptome, die gleich klingen und dem Syndrom “Angststörung” zugeordnet werden können, weisen völlig heterogene Ursachen und Schweregrade und entsprechend auch sehr unterschiedliche Behandlungsoptionen auf.

Der bekannte Arzt, Psychoanalytiker und Erfolgsautor Iriv D. Yalom (“Und Nietzsche weinte”) schrieb zur “Kontraproduktivität” von Diagnosen in Psychotherapien in “Der Panama-Hut oder was einen guten Therapeuten ausmacht“:

Erstens ist eine Psychotherapie ein sich langsam entfaltender Prozess, währenddessen der Therapeut versucht, den Patienten so gut wie möglich kennen zu lernen. Eine Diagnose verengt das Blickfeld; sie mindert die Fähigkeit, den anderen als eine Person wahrzunehmen.

Und gerade das ist ja etwas, was in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie unbedingt erreicht werden soll.

Yalom weiter:

Und welchem Therapeuten ist noch nicht aufgefallen, wie viel leichter es ist, eine Diagnose nach dem ersten Gespräch zu stellen als wesentlich später, sagen wir , nach der zehnten Sitzung, wenn wir erheblich mehr über das Individuum wissen? Ist das nicht eine seltsame Wissenschaft?

Es wird deutlich: Je näher und intensiver man sich mit einem Individuum befasst, desto unmöglicher wird es, eine Diagnose zu formulieren, die diesen Menschen treffend “beschreibt”, da es die verschiedensten Aspekte und Facetten bei ein und derselben Person gibt.

Also haltet Euch nicht mit Euren Diagnosen auf, sondern kommt in Kontakt mit den Ärzten / Therapeuten darüber, was Euch wirklich wichtig ist und was Euch beschäftigt. Auch das Googeln nach psychischen Diagnosen bringt keine Erkenntnis zum eigenen, individuellen Leid.

Frohes neues Jahr! Euer PsychoSomaDoc

Fallbeispiel zur Entstehung einer Depression (bei einem jungen Mann)


Liebe Psychosomatik-Interessierte, ich freue mich sehr über Eure rege Beteiligung.

Warum wird ein Mensch depressiv? Heute kann man diese Frage leider noch nicht mit EINER richtigen Antwort aufklären. Die Depression gilt als eine multifaktorielle Erkrankung (eine Erkrankung die durch viele verschiedene Faktoren und Bedingungen ausgelöst werden kann). In Betracht gezogen werden genetische, biologische (Transmitter-Störungen), soziale (die Lebensumgebung) und intrapsychische (frühe Entwicklungserfahrungen, Konflikte) Ursachen. Entsprechend weit ist auch das Spektrum der Therapiemethoden: von Medikamenten über Psychotherapie bis zur Licht- oder Schlafentzugstherapie.

In der Psychosomatischen Medizin versuchen wir vorrangig die aktuellen Beschwerden als einen Kompromiss der innerseelisch unbewusst wirksamen Kräfte zu sehen. Insbesondere machen wir uns dran, vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte des Patienten einen aktuellen (die Beschwerden aktivierenden) Auslöser zu suchen.

Kürzlich stellte sich mir ein junger Mann (34 Jahre) in meiner Ambulanz vor mit schweren Symptomen: Er war seit 8 Wochen krankgeschrieben wegen innerer Leere, vermindertem Antrieb mit Weinerlichkeit und schweren Einschlafstörungen bis in den frühen Morgen hinein. Er hatte sexuell einfach gar keine Lust mehr und seine Freundin war auch schon in Selbstzweifel geraten. Er glaubte mit diesen Beschwerden nicht wieder in den Job als Filialleiter eines Optikers zurückkehren zu können, obwohl er immer gewissenhaft und fleißig war und bisher “nie krank gefeiert” hatte. Dem Patienten ging es sehr schlecht auf unseren ersten zwei Sitzungen und es erschien schlüssig ihn lange krankzuschreiben um ihn vom Stress in der Filiale zu schützen, von dem er mehrfach berichtete: “Alle wollen was von mir: Die Mitarbeiter, die Kunden, der Regionalleiter – schon eine Weile denke ich, das wird mir alles zuviel”.

Das vertiefte Gespräch ergab, dass am Beginn der Erkrankung vor 8 Wochen ein 1-wöchiger Ausfall wegen einer Sehenscheidenentzündung stand, die der Patient schon wochenlang verschleppt hatte. Es sei langsam immer schlimmer geworden, bis er einfach nicht mehr mit feiner Mechanik habe arbeiten können. Er berichtet weiter, dass bereits in den ersten Tagen der Krankschreibung Erinnerungen an die Vergangenheit auftraten, die er längst verdrängt habe: Sein alkoholkranker Vater, der geprügelt habe, seine Mutter, die alles geduldet habe – aus Angst vor dem Vater. Die Hand tat immer schlimmer weh, die alten Wunden rissen auf, der Patient wurde eine weitere Woche vom Orthopäden krank geschrieben und geriet tiefer in das depressive Syndrom aus Selbstzweifeln, Unruhe und innere Leere.

Der Patient berichtete nach und nach mit 6 Jahren in eine Pflegefamilie gekommen zu sein und endlich die Chance bekommen zu haben, für die Schule zu lernen und Leistung zu erbringen. Er kam von der Haupt- auf die Realschule und entwickelte eine Neigung für Mathe und Physik und las auch in der Freizeit viele Bücher. Nach dem sehr guten Realschulabschluss begann er voller Eifer die Ausbildung zum Optiker und wurde immer von den Kollegen und Vorgesetzten sehr gefördert, da sein Fleiß geschätzt wurde. Die schlimmen Erlebnisse aus der Kindheit waren wie deaktiviert, sie spielten keine Rolle. Wir in der Psychosomatik sagen “der Patient hat seine negativen Erfahrungen und seine Einschränkungen im Bereich Selbstwert und Versorgtwerden mit Leistung und Fleiß kompensiert”, also ausgeglichen. Er war für alle Kollegen, Kunden etc. da und ansprechbar… Arbeit als Droge. Dann die Sehenscheidenentzündung. Wie ein Musiker, dem das Instrument weggenommen wird, auf dem er alle seine melancholischen Lieder geschrieben hat… Ein tiefer Sturz. Die Sehnenscheide war ja inzwischen längst besser, die Depression machte dem jungen Mann zu schaffen.

Das Therapieziel konnte nur sein, den Mann wieder in die Filiale zu kriegen, so paradox es klingt. Er versuchte es an einem geplanten Termin, wurde nochmals ein paar Tage krank, versuchte es wieder und es klappte, innerhalb von zwei Wochen war er praktisch genesen. Und überarbeitet. Jetzt kann man schrittchenweise vielleicht die Dosis der Arbeit reduzieren, aber nicht wieder von heute auf morgen. Und vieles von den schrecklichen Erlebnissen als kleiner Junge werden vielleicht besser zu- als aufgedeckt… Denn der so genannte Kompensationsmechanismus namens “Arbeit+Leistung” hatte beim Patienten ja schon viele viele Jahre erfolgreich seine Wirkung getan und wird hoffentlich auch weiter tun…

Drei Monate nach der Depression sagte der Patient: “PsychoSomaDoc, ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was mit mir los war, meine Frau, mein Job, ich bin doch ein glücklicher Mensch – ein bißchen viel Stress auf der Arbeit vielleicht, aber sonst…”

:-)

So, das war mal ein Beispiel für eine Geschichte, die hinter ‘ner Depression stecken kann. Ganz schön lang geworden. Sorry dafür und bis Tage!

Euer PsychoSomaDoc

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