Fallbeispiel zur Entstehung einer Depression (bei einem jungen Mann)


Liebe Psychosomatik-Interessierte, ich freue mich sehr über Eure rege Beteiligung.

Warum wird ein Mensch depressiv? Heute kann man diese Frage leider noch nicht mit EINER richtigen Antwort aufklären. Die Depression gilt als eine multifaktorielle Erkrankung (eine Erkrankung die durch viele verschiedene Faktoren und Bedingungen ausgelöst werden kann). In Betracht gezogen werden genetische, biologische (Transmitter-Störungen), soziale (die Lebensumgebung) und intrapsychische (frühe Entwicklungserfahrungen, Konflikte) Ursachen. Entsprechend weit ist auch das Spektrum der Therapiemethoden: von Medikamenten über Psychotherapie bis zur Licht- oder Schlafentzugstherapie.

In der Psychosomatischen Medizin versuchen wir vorrangig die aktuellen Beschwerden als einen Kompromiss der innerseelisch unbewusst wirksamen Kräfte zu sehen. Insbesondere machen wir uns dran, vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte des Patienten einen aktuellen (die Beschwerden aktivierenden) Auslöser zu suchen.

Kürzlich stellte sich mir ein junger Mann (34 Jahre) in meiner Ambulanz vor mit schweren Symptomen: Er war seit 8 Wochen krankgeschrieben wegen innerer Leere, vermindertem Antrieb mit Weinerlichkeit und schweren Einschlafstörungen bis in den frühen Morgen hinein. Er hatte sexuell einfach gar keine Lust mehr und seine Freundin war auch schon in Selbstzweifel geraten. Er glaubte mit diesen Beschwerden nicht wieder in den Job als Filialleiter eines Optikers zurückkehren zu können, obwohl er immer gewissenhaft und fleißig war und bisher „nie krank gefeiert“ hatte. Dem Patienten ging es sehr schlecht auf unseren ersten zwei Sitzungen und es erschien schlüssig ihn lange krankzuschreiben um ihn vom Stress in der Filiale zu schützen, von dem er mehrfach berichtete: „Alle wollen was von mir: Die Mitarbeiter, die Kunden, der Regionalleiter – schon eine Weile denke ich, das wird mir alles zuviel“.

Das vertiefte Gespräch ergab, dass am Beginn der Erkrankung vor 8 Wochen ein 1-wöchiger Ausfall wegen einer Sehenscheidenentzündung stand, die der Patient schon wochenlang verschleppt hatte. Es sei langsam immer schlimmer geworden, bis er einfach nicht mehr mit feiner Mechanik habe arbeiten können. Er berichtet weiter, dass bereits in den ersten Tagen der Krankschreibung Erinnerungen an die Vergangenheit auftraten, die er längst verdrängt habe: Sein alkoholkranker Vater, der geprügelt habe, seine Mutter, die alles geduldet habe – aus Angst vor dem Vater. Die Hand tat immer schlimmer weh, die alten Wunden rissen auf, der Patient wurde eine weitere Woche vom Orthopäden krank geschrieben und geriet tiefer in das depressive Syndrom aus Selbstzweifeln, Unruhe und innere Leere.

Der Patient berichtete nach und nach mit 6 Jahren in eine Pflegefamilie gekommen zu sein und endlich die Chance bekommen zu haben, für die Schule zu lernen und Leistung zu erbringen. Er kam von der Haupt- auf die Realschule und entwickelte eine Neigung für Mathe und Physik und las auch in der Freizeit viele Bücher. Nach dem sehr guten Realschulabschluss begann er voller Eifer die Ausbildung zum Optiker und wurde immer von den Kollegen und Vorgesetzten sehr gefördert, da sein Fleiß geschätzt wurde. Die schlimmen Erlebnisse aus der Kindheit waren wie deaktiviert, sie spielten keine Rolle. Wir in der Psychosomatik sagen „der Patient hat seine negativen Erfahrungen und seine Einschränkungen im Bereich Selbstwert und Versorgtwerden mit Leistung und Fleiß kompensiert“, also ausgeglichen. Er war für alle Kollegen, Kunden etc. da und ansprechbar… Arbeit als Droge. Dann die Sehenscheidenentzündung. Wie ein Musiker, dem das Instrument weggenommen wird, auf dem er alle seine melancholischen Lieder geschrieben hat… Ein tiefer Sturz. Die Sehnenscheide war ja inzwischen längst besser, die Depression machte dem jungen Mann zu schaffen.

Das Therapieziel konnte nur sein, den Mann wieder in die Filiale zu kriegen, so paradox es klingt. Er versuchte es an einem geplanten Termin, wurde nochmals ein paar Tage krank, versuchte es wieder und es klappte, innerhalb von zwei Wochen war er praktisch genesen. Und überarbeitet. Jetzt kann man schrittchenweise vielleicht die Dosis der Arbeit reduzieren, aber nicht wieder von heute auf morgen. Und vieles von den schrecklichen Erlebnissen als kleiner Junge werden vielleicht besser zu- als aufgedeckt… Denn der so genannte Kompensationsmechanismus namens „Arbeit+Leistung“ hatte beim Patienten ja schon viele viele Jahre erfolgreich seine Wirkung getan und wird hoffentlich auch weiter tun…

Drei Monate nach der Depression sagte der Patient: „PsychoSomaDoc, ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was mit mir los war, meine Frau, mein Job, ich bin doch ein glücklicher Mensch – ein bißchen viel Stress auf der Arbeit vielleicht, aber sonst…“

🙂

So, das war mal ein Beispiel für eine Geschichte, die hinter ’ner Depression stecken kann. Ganz schön lang geworden. Sorry dafür und bis Tage!

Euer PsychoSomaDoc

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9 responses to “Fallbeispiel zur Entstehung einer Depression (bei einem jungen Mann)”

  1. Marmotta says :

    Ich kann mir gut vorstellen, dass der Mann depressiv geworden ist, als er krankheitsbedingt längere Zeit nicht mehr arbeiten konnte. Da hatte er Zeit zum Nachdenken und das, was durch die Arbeit zugedeckt war, kam ans Tageslicht… Verständlich, dass es ihm wieder besser ging, nachdem er wieder arbeiten konnte.

    Du schreibst „Und vieles von den schrecklichen Erlebnissen als kleiner Junge werden vielleicht besser zu- als aufgedeckt… Denn der so genannte Kopensensationsmechanismus namens “Arbeit+Leistung” hatte beim Patienten ja schon viele viele Jahre erfolgreich seine Wirkung getan und wird hoffentlich auch weiter tun…“

    Eine Frage beschäftigt mich: Was passiert, wenn der Mann mal wieder einmal krank wird und längere Zeit nicht arbeiten kann? Wenn er vielleicht eine ernsthafte Erkrankung hat, die ihn über mehrere Monate am Arbeiten hindert? Müsste dann nicht wieder alles aufbrechen und er wieder depressiv werden? Und was, wenn er in den Ruhestand geht? Wäre es nicht besser, wenn er seine Kindheit in einer Psychoanalyse aufarbeiten würde? Oder anders gefragt, warum wäre es besser, wenn vieles von den schrecklichen Erlebnissen besser zu- statt aufgedeckt bleiben soll?

  2. psychosomadoc says :

    Guten Abend! Das sind gute Fragen, danke! Da möchte ich morgen ausführlich drauf Bezug nehmen… 😉 Gute Nacht, der PsychoSomaDok

  3. PsychoSomaDoc says :

    Ihr habt absolut Recht: Wenn Herr Fallbeispiel wieder aus irgend einem Grund nicht arbeiten kann, würde das Risiko, erneut an einer depressiven Episode zu erkranken, steigen. Ganz allgemein spricht man von erhöhten Risiken für die Entwicklung von psychischen Erkrankungen bei so genannten „Life Events“ (z.B. Einstieg ins Berufsleben, Geburt des Kindes, Hochzeit, Berentung). Das trifft aus dem im Artikel beschriebenen Hintergrund auf diesen jungen Mann auch zu.

    Euer Einwand, dass ja durch Wiederaufnahme der Arbeit frühe krankmachende Einflüsse „nur“ verdrängt werden ist wichtig zu betrachten. Zunächst soll festgehalten werden, dass Abwehrmechanismen wie z.B. Verdrängung oder wie hier Kompensation durch herausragende Leistung absolut gesund sind und jeder Mensch diese Abwehrmechanismen braucht um gesund zu bleiben. Es stimmt, dass man natürlich von Fall zu Fall schauen muss, ob man z.B. in einer Psychoanalyse aufdeckend arbeitet und das aktuelle Verhalten und Erleben zu den ganz frühen Lebenserfahrungen in Bezug setzt und in der therapeutischen Beziehung neue, korrigierende Erfahrungen ermöglicht, so dass der Patient sein Verhalten bewusst ändern kann. Hier ist es jedoch so, dass der Patient einen Abwehrmechanismus „gefunden“ hat (unbewusst natürlich), der gesellschaftlich absolut anerkannt ist und ihm und seiner Familie ein befriedigendes Leben ermöglich – also der Patient profitiert in hohem Maße von der Konstellation seiner psychischen Funktionen. Sicher kann man z.B. in einer Kurzzeittherapie sehr gezielt daran arbeiten, dass es nicht zu krankmachender Überarbeitung und schädlichem Stress kommt. Ich wollte nur deutlich machen, dass das nahe liegende „der Mann braucht Ruhe und Abstand von der Arbeit“ hier nicht gegriffen hatte.

    Aber auch eine Psychotherapie ist eine medizinische Maßnahme mit Nebenwirkungen, Aufwendungen (Emotionale Belastung, z.B. viele Termine über einen langen Zeitraum, Kosten). Und es muss vorher eine Prognose erstellt werden, ob danach tatsächlich die Lebensqualität höher sein wird, alles andere wäre fahrlässig. Die im Fallbeispiel erwähnte „komplexe Beziehungstraumatisierung“ durch die frühen Bezugspersonen (Eltern) sind einem aufdeckenden Verfahren wie der Psychoanalyse z.B. nicht gut zugänglich bzw. möglicherweise schädlich.

    Der Artikel sollte deutlich machen, dass auch in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie die Vergangenheit schon vorbei ist, daher nicht mehr veränderbar und nicht mehr zu löschen ist. Dass z.B. in einer analytischen Psychotherapie die Vergangenheit „aufgearbeitet“ werden kann ist leider ein klassisches Psycho-Mißverständnis… Doch zur Wirkungsweise der verschiedenen Psychotherapie-Formen bald mehr!

    Viele Grüße vom PsychoSomaDoc

    • Kerstin says :

      Danke für diese Erläuterung, die ich nachvollziehbar finde und die einiges erklärt, was aus dem Ursprungsposting so nicht hervor ging. Mir gefällt, dass Ärzte nicht um jeden Preis therapieren, sondern auch nach der Person und dem persönlichen Abwehrmechanismus urteilen. Dies setzt natürlich voraus, dass sich der Arzt genug Zeit nimmt, um den Patienten beurteilen zu können und sich der Patient ihm genügend öffnet. Beides scheint im Fallbeispiel geschehen zu sein, so dass die Entscheidung angemessen erscheint.

      Freue mich auf schon auf die nächsten Beiträge :-).

    • Nina says :

      „Doch zur Wirkungsweise der verschiedenen Psychotherapie-Formen bald mehr!“

      Das fände ich auch sehr spannend, da ich als Laie die verschiedenen Formen nur bedingt unterscheiden bzw. einschätzen kann. Wikipedia sei Dank verstehe ich die groben Richtungen, aber mir scheint, dass es zwischen den Formen richtig gehende Grabenkämpfe gibt – woher sollen Betroffene/Familie wissen welche Richtung für einen Patienten die richtige ist?

      Genauso die Unterscheidung zwischen Einzeltherapie und Gruppentherapie.

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