„Was habe ich denn nun?“ – Über Diagnosen in der Psychotherapie

Viele Patienten, die sich bei mir zur psychosomatischen Erstuntersuchung vorstellen oder schon länger in die psychotherapeutische Diagnostik kommen, fragen nach ihrer psychischen Diagnose. Eine genaue Diagnosestellung ist zweifellos wichtig, zum einen um die geeignete Therapieform zu ermitteln und die Therapie zu planen, als auch für die Abrechnung mit den Krankenkassen.

Im Kontakt zwischen Patient und Therapeut zeigte sich jedoch, dass die genaue Diagnose, z.B. „mittelgradige depressive Episode“ oder „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung“ mehr Gerümpel ist, das den Weg versperrt statt hilfreiche Transparenz in der Behandlung darzustellen.

Man kann sich das in Deutschland herrschende Diagnosesystem (namens ICD) wie ein Schubladenelement vorstellen, dass nach sehr statischen Kriterien erstellt ist: Treffen bestimmte Merkmale auf die im Augenblick der Untersuchung geschilderten Symptome des Menschen zu, so passt er in die entsprechende Schublade. An diesem Beispiel kann man erkennen, wie sich die Schublade „Depression“ mit Unterteilungen in leichte, mittlere und schwere Episode aufteilt.

Viel wichtiger ist jedoch im Rahmen der Psychotherapie: Warum reagiert gerade dieser Mensch in der aktuellen Lebensphase mit gerade jenen Beschwerden und eventuell dieser psychischen Erkrankung. Was sind seine frühen biographischen Erfahrungen. Welche aktuellen Ereignisse, Erlebnisse und Beziehungen führen zur Aufrechterhaltung der Symptomatik. Zu all diesen wichtigen Fragen, die zur Behandlung elementar sind und in der Kommunikation von Patient und Therapeut eine große Rolle spielen sollten, schweigt das Diagnosesystem sich aus.

Dazu kommt, das die Kriterien, die für eine bestimmte Diagnose sprechen, sich im Laufe der Zeit verändern und ein Patient z.B. während einer Psychotherapie die Schubladen wechselt. Da psychische Diagnosen (Kapitel F der ICD-10) immer noch zur Stigmatisierung der Betroffenen führen können, sollte man Diagnosen, die man als Patient gesagt bekommt oder die man als Arzt / Therapeut jemanden mitteilt mit Vorsicht und etwas Distanz „genießen“. Symptome, die gleich klingen und dem Syndrom „Angststörung“ zugeordnet werden können, weisen völlig heterogene Ursachen und Schweregrade und entsprechend auch sehr unterschiedliche Behandlungsoptionen auf.

Der bekannte Arzt, Psychoanalytiker und Erfolgsautor Iriv D. Yalom („Und Nietzsche weinte“) schrieb zur „Kontraproduktivität“ von Diagnosen in Psychotherapien in „Der Panama-Hut oder was einen guten Therapeuten ausmacht„:

Erstens ist eine Psychotherapie ein sich langsam entfaltender Prozess, währenddessen der Therapeut versucht, den Patienten so gut wie möglich kennen zu lernen. Eine Diagnose verengt das Blickfeld; sie mindert die Fähigkeit, den anderen als eine Person wahrzunehmen.

Und gerade das ist ja etwas, was in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie unbedingt erreicht werden soll.

Yalom weiter:

Und welchem Therapeuten ist noch nicht aufgefallen, wie viel leichter es ist, eine Diagnose nach dem ersten Gespräch zu stellen als wesentlich später, sagen wir , nach der zehnten Sitzung, wenn wir erheblich mehr über das Individuum wissen? Ist das nicht eine seltsame Wissenschaft?

Es wird deutlich: Je näher und intensiver man sich mit einem Individuum befasst, desto unmöglicher wird es, eine Diagnose zu formulieren, die diesen Menschen treffend „beschreibt“, da es die verschiedensten Aspekte und Facetten bei ein und derselben Person gibt.

Also haltet Euch nicht mit Euren Diagnosen auf, sondern kommt in Kontakt mit den Ärzten / Therapeuten darüber, was Euch wirklich wichtig ist und was Euch beschäftigt. Auch das Googeln nach psychischen Diagnosen bringt keine Erkenntnis zum eigenen, individuellen Leid.

Frohes neues Jahr! Euer PsychoSomaDoc

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5 responses to “„Was habe ich denn nun?“ – Über Diagnosen in der Psychotherapie”

  1. Amy says :

    Einen Namen für das Problem zu bekommen hat allerdings manchmal auch große Vorteile. Es nimmt den Leidensdruck, der aus dem Gefühl entsteht, alleine mit dem Problem zu sein, es „normalisiert“ die Abnormität ein Stück weit. Ich bin seit Jahren in der Trichotillomanie-Online-Selbsthilfe unterwegs und lese dort in jeder zweiten Neuvorstellung das, was auch ich empfunden habe, als ich herausgefunden habe, dass es einen Namen dafür gibt: Eine unheimliche Entlastung…
    Die Probleme von Menschen mit der gleichen Diagnose haben zumindest gewisse Überschneidungen, dadurch entsteht Verständnis, das man ansonsten nur schwer findet. Das erlebe ich auch gerade bei der Suche nach Austausch und Infos zu meiner Autismus-Diagnostik wieder. Sich einfach mal nicht von A bis Z erklären zu müssen, weil der andere die Probleme kennt, hilft. Auch wenn meine Diagnose am Ende anders heißen sollte, will ich wissen, wie sie denn lautet um wieder Zugang zum gezielten Austausch zu haben.
    Insofern kann ich auch die Sichtweise, dass Googlen nicht hilft, nicht ganz unterstützen. Endloses „was ist mit mir los“-Suchen hilft nicht, stimmt. An manchen Stellen hilft es aber eben doch ganz massiv.

  2. Cindy says :

    Ich kann mich Amy nur anschließen. Es hilft meistens sehr, wenn das Problem endlich einen Namen bekommt. Wenn man einen Anhaltspunkt hat. Man lernt, sich besser zu verstehen und kommt sich so wirklich ein Stück näher. Auch ich war sehr erleichtert, als mein Psychiater mir seine Sicht erklärt hat, mir eine bzw. mehrere Diagnosen gegeben hat. Im Endeffekt hat es mir eher geholfen, auch wenn vor allem eine Diagnose eher ein Schock war… Trotzdem kann ich auch die andere Sicht auf Diagnosengebung verstehen: häufig wird man abgestempelt und es gibt wirklich viele Ärzte, die dieses klassische Schubladendenken haben (wenn Sie diese Diagnose haben, passt jene aber nicht dazu). Man sollte den Patienten als Individuum sehen und nicht als Modell. Ich kann aber auch die Sicht der Ärzte verstehen, die einen Patienten schlicht mit solchen allgemeinen Kriterien erfassen sollen, auch sicherlich nicht einfach. Trotzdem stehe ich den Diagnosen eher positiv gegenüber, weil diese für mich zumindest sehr erleichternd waren.

  3. Kerstin says :

    „Also haltet Euch nicht mit Euren Diagnosen auf, sondern kommt in Kontakt mit den Ärzten / Therapeuten darüber, was Euch wirklich wichtig ist und was Euch beschäftigt.“

    Und was rät der PsychoSomaDoc, wenn schon das (mit dem Arzt in Kontakt kommen und über sich sprechen) ein Problem darstellt?

    • psychosomadoc says :

      Ich meine im Kontakt zum psychosomatisch / psychotherapeutisch / psychiatrisch versierten Arzt. Das mit der Diagnose bezieht sich auf psychische Erkrankungen, bei denen Psychotherapie geplant oder durchgeführt wird. Wenn das Sprechen und in Kontakt kommen ein Problem darstellt, gibt es nur eine Möglichkeit:
      Genau DIESES PROBLEM ausführlich mit Eurem Arzt oder Therapeuten BESPRECHEN und betrachten, woher das kommen könnte.

  4. Psychotante says :

    „Es wird deutlich: Je näher und intensiver man sich mit einem Individuum befasst, desto unmöglicher wird es, eine Diagnose zu formulieren, die diesen Menschen treffend “beschreibt”, da es die verschiedensten Aspekte und Facetten bei ein und derselben Person gibt.“

    Mir als Psychotherapeutin ist während meiner Arbeit mit einem Menschen ja mit dem notwendigen Fachwissen klar, dass eine Diagnose eben das nicht kann und auch nicht zu können vorgibt – einen Menschen in all seinem Erleben und Verhalten wiedergeben. Dennoch kann und will ich auf keines von beidem verzichten – auf eine gründliche Diagnosenstellung (mit all den positiven und entlastenden Effekten, die das für den Patienten haben kann – wie Amy so schön schrieb) als auch den Menschen, der mir da gegenübersitzt, so genau und gut wie möglich kennenzulernen und zu verstehen.

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