Freiheit und Abhängigkeit – ein Widerspruch?

"Freiheit in Geborgenheit"

„Freiheit in Geborgenheit“

Wir Deutschen streben nach Freiheit und Unabhängigkeit. Abhängigkeit wiederum betrachten wir als Einschränkung und Behinderung bei der Selbstverwirklichung.

Der Japanische Arzt und Psychoanalytiker Takeo Doi zeigt mit seiner Beschreibung des in Japan von ihm benannten „Amae“, dass wir in der westlichen Welt einen wichtigen Teil unserer Bedürfnisse unbewusst suchen und ausleben. Der japanische Begriff „Amae“ beschreibt das gleichzeitige Bedürfnis nach FREIHEIT und ABHÄNGIGKEIT. „Amae“ wörtlich übersetzt heisst etwa „Freiheit in Abhängigkeit“. In Deutschland suchen die meisten Menschen auf bewusster Ebene nur nach Freiheit. Dabei erscheint es sinnvoll, dass das Freisein nur genossen werden kann, wenn wir uns einer Geborgenheit (Abhängigkeit) sicher sind.

Dies lässt sich aus unserer Entwicklung heraus verstehen, sofern wir sie psychoanalytisch betrachten: Wir alle waren als Säuglinge und Babys von unseren Eltern oder anderen Bezugspersonen abhängig. Ohne dass man uns gefüttert hätte und uns gewindelt hätte, hätten wir wahrscheinlich nicht überlebt. Dann entwickelten wir im Laufe der Jahre die rationelle Fähigkeit, uns selbst zu versorgen. Doch der tiefe innere Wunsch nach einem wohlwollenden und geborgenen Abhängigkeitsverhältnis zu einem Menschen bleibt in der Tiefe vorhanden. Gemeint ist hier eine gelungene Abhängigkeit.

Wir alle sind auf „Amae“ (Freiheit in Geborgenheit) angewiesen, damit wir uns als Babys entwickeln können und uns doch unserer Versorgung sicher sein können. Später streben wir unbewusst eine Wiederholung einer Abhängigkeitsbeziehung an, in der wir auch frei sein wollen. Die Japaner erleben die Seite der Abhängigkeit in ihren Wünschen viel bewusster als wir, daher haben sie ein eigenes Wort dafür. Wir stellen Freiheit und Individuation sehr viel stärker in den Mittelpunkt der Gesellschaft als erstrebenswertes Ziel.

„Amaeru“ ist das Verb zu Amae und heißt soviel wie „sich anlehnen“ oder „sich verwöhnen / versorgen lassen“. In diesem Sinne viel Spaß noch und einen schönen Tag!

Euer PsychoSomaDoc

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