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Über den Medizinjournalismus der WELT

Am 19. März 2013 erschien in der Printausgabe der WELT der Artikel Das lukrative Geschäft mit den Depressionen.

Dieser Artikel ist so übersäht mit Fehlern, die einem psychosomatisch oder psychotherapeutisch versierten Mediziner ins Auge springen, bis es weh tut. Zu dem Schmerz gesellt sich Hoffnungslosigkeit. Wie soll jemals die Informationsvermittlung besser werden, wenn solche Texte in s.g. Qualitätsmedien kursieren. Meinen kleinen Teil möchte ich im Folgenden leisten mit ein paar Anmerkungen von „zwischen den Zeilen“:

Direkt die ersten zwei Sätze:

Marcel Schneider* sitzt in einem Eiscafé in einer Einkaufspassage in einem Vorort Kölns, und trinkt heiße Zitrone. Wer Schneider kennenlernt, würde nie vermuten, dass er unter Depressionen leidet.

Jetzt könnte der gemeine Tatort-Fan sich fragen, wie man von der heissen Zitrone auf eine Depression schließen kann. Man könnte auch überlegen, ob Sauer nicht lustig macht, und deshalb würde man nie vermuten, dass Marcel Schneider unter einer depressiven Erkrankung leiden könnte. Wie auch immer – ein selten blöder Satz. Dass man einem Menschen eine depressive Erkrankung nicht ansieht, sollte längst zu jedem durchgesickert sein. Ich betone es für die WELT-Redaktion nochmals: Es ist normal, dass man einem an einer Depression erkrankten Patienten sein Leiden nicht ansieht, wie man einem Blutdruckkranken seinen Blutdruck nicht ansieht.

Anette Dowideit und  meinten das wohl so (Fortsetzung vom Zitat oben):

Der Mittvierziger – er ist Arbeitnehmervertreter bei einem Dax-Konzern – wirkt schon allein durch seine Körpergröße stark.

Achso, verstehe. Der wirkt stark. Groß und stark. Na, das hätte ich ja auch nicht gedacht, dass der eine Depression haben könnte. Und als Arbeitnehmervertreter bei einem potenten Dax-Konzern ist man doch nicht niedergeschlagen und schwach. Liebe WELT-Redaktion: Dieser Widerspruch ist ja GERADE ein möglicher Faktor für eine depressive Erkrankung. Weil eigene Bedürfnisse und Begehrlichkeiten nicht ausgelebt werden „dürfen“, sondern man hilfsbereit, engagiert und vorbildlich wirkt. Im Inneren könnten sich dann als unbewusster Wunsch nach Versorgung oder danach, mal aggressiv sein zu dürfen, depressive Symptome entwickeln. Wo man doch eigentlich so stark und lässig auf andere Menschen wirkt…

Der nächste Stolperstein:

Schneider leidet unter endogenen Depressionen, also solchen, die unabhängig von äußeren Ereignissen immer wieder kommen.

Gibt es schlicht nicht. Eine unglaubliche Behauptung. Die Einteilung in exogene und endogene Depressionen einmal ausser Acht gelassen: Das Gehirn ist unser Kommunikationsorgan. Über unser Gehirn und die Funktionen unserer Psyche verbinden wir uns mit unserer Umwelt. Wir gehen Beziehungen ein, lösen Beziehungen, verlieren geliebte Menschen, geraten in Krisen, sind traurig, verletzt, könnten traumatisiert werden. Das alles beeinflusst unser Seelenleben. Das hat Einfluss auf unsere innere Welt. Und endogene Depressionen kommen UNABHÄNGIG von äußeren Ereignissen immer wieder? Unabhängig? Als wenn das Herz ganz unabhängig von Übergewicht, Rauchen und Cholesterinerhöhung einen Herzinfarkt bekommt. Wie könnte man belegen, dass der Infarkt auch ohne Rauchen gekommen wäre? Wer rechnet bei der Depression, die unabhängig von äußeren Ereignissen kommt, diese ganzen zwischenmenschlichen Einflüsse heraus? So etwas sind Fantasien, vielleicht sind diese Behauptungen Wunschdenken. Gegen Depressionen, die sowieso immer wieder kommen bin ich machtlos. Also kann alles bleiben wie es ist!?

Ein Zitat muss unbedingt noch erwähnt werden, aus dem letzten Absatz des Artikels:

Bei ihrer Einstellung hat sie mit gutem Grund verschwiegen, dass sie schon drei depressive Episoden hinter sich hatte und noch immer Antidepressiva nimmt: …

Liebe Anette Dowideit und , wieso halten Sie das für erwähnenswert? Ist es nicht völlig normal, einem neuen Arbeitgeber nicht die komplette eigene Krankengeschichte aufzudrängen? Oder denken Sie vielleicht irgendwie doch so ein ganz kleines Bisschen, dass ein depressiver Mensch, der „noch immer Antidepressiva nimmt“, ein Aussätziger ist?

„Was habe ich denn nun?“ – Über Diagnosen in der Psychotherapie

Viele Patienten, die sich bei mir zur psychosomatischen Erstuntersuchung vorstellen oder schon länger in die psychotherapeutische Diagnostik kommen, fragen nach ihrer psychischen Diagnose. Eine genaue Diagnosestellung ist zweifellos wichtig, zum einen um die geeignete Therapieform zu ermitteln und die Therapie zu planen, als auch für die Abrechnung mit den Krankenkassen.

Im Kontakt zwischen Patient und Therapeut zeigte sich jedoch, dass die genaue Diagnose, z.B. „mittelgradige depressive Episode“ oder „emotional-instabile Persönlichkeitsstörung“ mehr Gerümpel ist, das den Weg versperrt statt hilfreiche Transparenz in der Behandlung darzustellen.

Man kann sich das in Deutschland herrschende Diagnosesystem (namens ICD) wie ein Schubladenelement vorstellen, dass nach sehr statischen Kriterien erstellt ist: Treffen bestimmte Merkmale auf die im Augenblick der Untersuchung geschilderten Symptome des Menschen zu, so passt er in die entsprechende Schublade. An diesem Beispiel kann man erkennen, wie sich die Schublade „Depression“ mit Unterteilungen in leichte, mittlere und schwere Episode aufteilt.

Viel wichtiger ist jedoch im Rahmen der Psychotherapie: Warum reagiert gerade dieser Mensch in der aktuellen Lebensphase mit gerade jenen Beschwerden und eventuell dieser psychischen Erkrankung. Was sind seine frühen biographischen Erfahrungen. Welche aktuellen Ereignisse, Erlebnisse und Beziehungen führen zur Aufrechterhaltung der Symptomatik. Zu all diesen wichtigen Fragen, die zur Behandlung elementar sind und in der Kommunikation von Patient und Therapeut eine große Rolle spielen sollten, schweigt das Diagnosesystem sich aus.

Dazu kommt, das die Kriterien, die für eine bestimmte Diagnose sprechen, sich im Laufe der Zeit verändern und ein Patient z.B. während einer Psychotherapie die Schubladen wechselt. Da psychische Diagnosen (Kapitel F der ICD-10) immer noch zur Stigmatisierung der Betroffenen führen können, sollte man Diagnosen, die man als Patient gesagt bekommt oder die man als Arzt / Therapeut jemanden mitteilt mit Vorsicht und etwas Distanz „genießen“. Symptome, die gleich klingen und dem Syndrom „Angststörung“ zugeordnet werden können, weisen völlig heterogene Ursachen und Schweregrade und entsprechend auch sehr unterschiedliche Behandlungsoptionen auf.

Der bekannte Arzt, Psychoanalytiker und Erfolgsautor Iriv D. Yalom („Und Nietzsche weinte“) schrieb zur „Kontraproduktivität“ von Diagnosen in Psychotherapien in „Der Panama-Hut oder was einen guten Therapeuten ausmacht„:

Erstens ist eine Psychotherapie ein sich langsam entfaltender Prozess, währenddessen der Therapeut versucht, den Patienten so gut wie möglich kennen zu lernen. Eine Diagnose verengt das Blickfeld; sie mindert die Fähigkeit, den anderen als eine Person wahrzunehmen.

Und gerade das ist ja etwas, was in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie unbedingt erreicht werden soll.

Yalom weiter:

Und welchem Therapeuten ist noch nicht aufgefallen, wie viel leichter es ist, eine Diagnose nach dem ersten Gespräch zu stellen als wesentlich später, sagen wir , nach der zehnten Sitzung, wenn wir erheblich mehr über das Individuum wissen? Ist das nicht eine seltsame Wissenschaft?

Es wird deutlich: Je näher und intensiver man sich mit einem Individuum befasst, desto unmöglicher wird es, eine Diagnose zu formulieren, die diesen Menschen treffend „beschreibt“, da es die verschiedensten Aspekte und Facetten bei ein und derselben Person gibt.

Also haltet Euch nicht mit Euren Diagnosen auf, sondern kommt in Kontakt mit den Ärzten / Therapeuten darüber, was Euch wirklich wichtig ist und was Euch beschäftigt. Auch das Googeln nach psychischen Diagnosen bringt keine Erkenntnis zum eigenen, individuellen Leid.

Frohes neues Jahr! Euer PsychoSomaDoc

Fallbeispiel zur Entstehung einer Depression (bei einem jungen Mann)


Liebe Psychosomatik-Interessierte, ich freue mich sehr über Eure rege Beteiligung.

Warum wird ein Mensch depressiv? Heute kann man diese Frage leider noch nicht mit EINER richtigen Antwort aufklären. Die Depression gilt als eine multifaktorielle Erkrankung (eine Erkrankung die durch viele verschiedene Faktoren und Bedingungen ausgelöst werden kann). In Betracht gezogen werden genetische, biologische (Transmitter-Störungen), soziale (die Lebensumgebung) und intrapsychische (frühe Entwicklungserfahrungen, Konflikte) Ursachen. Entsprechend weit ist auch das Spektrum der Therapiemethoden: von Medikamenten über Psychotherapie bis zur Licht- oder Schlafentzugstherapie.

In der Psychosomatischen Medizin versuchen wir vorrangig die aktuellen Beschwerden als einen Kompromiss der innerseelisch unbewusst wirksamen Kräfte zu sehen. Insbesondere machen wir uns dran, vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte des Patienten einen aktuellen (die Beschwerden aktivierenden) Auslöser zu suchen.

Kürzlich stellte sich mir ein junger Mann (34 Jahre) in meiner Ambulanz vor mit schweren Symptomen: Er war seit 8 Wochen krankgeschrieben wegen innerer Leere, vermindertem Antrieb mit Weinerlichkeit und schweren Einschlafstörungen bis in den frühen Morgen hinein. Er hatte sexuell einfach gar keine Lust mehr und seine Freundin war auch schon in Selbstzweifel geraten. Er glaubte mit diesen Beschwerden nicht wieder in den Job als Filialleiter eines Optikers zurückkehren zu können, obwohl er immer gewissenhaft und fleißig war und bisher „nie krank gefeiert“ hatte. Dem Patienten ging es sehr schlecht auf unseren ersten zwei Sitzungen und es erschien schlüssig ihn lange krankzuschreiben um ihn vom Stress in der Filiale zu schützen, von dem er mehrfach berichtete: „Alle wollen was von mir: Die Mitarbeiter, die Kunden, der Regionalleiter – schon eine Weile denke ich, das wird mir alles zuviel“.

Das vertiefte Gespräch ergab, dass am Beginn der Erkrankung vor 8 Wochen ein 1-wöchiger Ausfall wegen einer Sehenscheidenentzündung stand, die der Patient schon wochenlang verschleppt hatte. Es sei langsam immer schlimmer geworden, bis er einfach nicht mehr mit feiner Mechanik habe arbeiten können. Er berichtet weiter, dass bereits in den ersten Tagen der Krankschreibung Erinnerungen an die Vergangenheit auftraten, die er längst verdrängt habe: Sein alkoholkranker Vater, der geprügelt habe, seine Mutter, die alles geduldet habe – aus Angst vor dem Vater. Die Hand tat immer schlimmer weh, die alten Wunden rissen auf, der Patient wurde eine weitere Woche vom Orthopäden krank geschrieben und geriet tiefer in das depressive Syndrom aus Selbstzweifeln, Unruhe und innere Leere.

Der Patient berichtete nach und nach mit 6 Jahren in eine Pflegefamilie gekommen zu sein und endlich die Chance bekommen zu haben, für die Schule zu lernen und Leistung zu erbringen. Er kam von der Haupt- auf die Realschule und entwickelte eine Neigung für Mathe und Physik und las auch in der Freizeit viele Bücher. Nach dem sehr guten Realschulabschluss begann er voller Eifer die Ausbildung zum Optiker und wurde immer von den Kollegen und Vorgesetzten sehr gefördert, da sein Fleiß geschätzt wurde. Die schlimmen Erlebnisse aus der Kindheit waren wie deaktiviert, sie spielten keine Rolle. Wir in der Psychosomatik sagen „der Patient hat seine negativen Erfahrungen und seine Einschränkungen im Bereich Selbstwert und Versorgtwerden mit Leistung und Fleiß kompensiert“, also ausgeglichen. Er war für alle Kollegen, Kunden etc. da und ansprechbar… Arbeit als Droge. Dann die Sehenscheidenentzündung. Wie ein Musiker, dem das Instrument weggenommen wird, auf dem er alle seine melancholischen Lieder geschrieben hat… Ein tiefer Sturz. Die Sehnenscheide war ja inzwischen längst besser, die Depression machte dem jungen Mann zu schaffen.

Das Therapieziel konnte nur sein, den Mann wieder in die Filiale zu kriegen, so paradox es klingt. Er versuchte es an einem geplanten Termin, wurde nochmals ein paar Tage krank, versuchte es wieder und es klappte, innerhalb von zwei Wochen war er praktisch genesen. Und überarbeitet. Jetzt kann man schrittchenweise vielleicht die Dosis der Arbeit reduzieren, aber nicht wieder von heute auf morgen. Und vieles von den schrecklichen Erlebnissen als kleiner Junge werden vielleicht besser zu- als aufgedeckt… Denn der so genannte Kompensationsmechanismus namens „Arbeit+Leistung“ hatte beim Patienten ja schon viele viele Jahre erfolgreich seine Wirkung getan und wird hoffentlich auch weiter tun…

Drei Monate nach der Depression sagte der Patient: „PsychoSomaDoc, ich weiß eigentlich gar nicht mehr, was mit mir los war, meine Frau, mein Job, ich bin doch ein glücklicher Mensch – ein bißchen viel Stress auf der Arbeit vielleicht, aber sonst…“

🙂

So, das war mal ein Beispiel für eine Geschichte, die hinter ’ner Depression stecken kann. Ganz schön lang geworden. Sorry dafür und bis Tage!

Euer PsychoSomaDoc