Frau Fontane aus psychosomatischer Sicht

Hallo Ihr Lieben!

Schön, dass Du da bist. In diesem Blog möchte ich Euch in die Geheimnisse der Psychosomatischen Medizin einweihen, eines der spannendsten Fachgebiete für Patienten und Ärzte – was viele leider nicht wissen. Ein bißchen mehr über dieses Blog erfahrt Ihr unter über das Blog oben im Menü.

Um schonmal in die Materie einzusteigen möchte ich als Beispiel einen Text von der Kollegin Josephine im Chaos aufgreifen, in dem sie sehr schön einen Fall von (wahrscheinlich) Psychosomatik in der Medizin (in ihrem Fall Gynäkologie) beschreibt.

Zum Beitrag von Josephine im Chaos

Der erste Satz der Patientin

Ach, endlich komme ich auch mal dran. Ich sitze ja nun schon seit Stunden hier herum.

ist aus psychosomatischer Sicht bereits wegweisend. Denn nun ist die Patientin endlich dran und kann mit der Ärztin, Frau Chaos, in Kontakt treten und tut Folgendes (in der Fachsprache): Sie macht ein aggressives Beziehungsangebot. Jawohl, die ersten zwei Sätze nutzt sie, um die Mitarbeiter der Klinik und die Frauenärztin, die vor ihr steht, anzuklagen. Das führt unmittelbar dazu, dass man sie ablehnt. Dr. Chaos sagt zwar noch professionell „tut mir leid“ aber wahrscheinlich dachte sie in diesem Moment schon „die Tante wird in meinem Blog landen – endlos nerviger kram jetzt“. Dies macht die Patientin nicht zufällig. Oder weil Sie diensthabende Ärzte ärgern will. Oder weil sie kein Benehmen hat. Oder sich einen Vorteil in der Untersuchung oder Behandlung verschaffen will. Im Gegenteil. Wir sind schon bald am Kern, was die erste zwei Sätze mit dem Ganzkörperschmerz zu tun haben. Durch das Verhalten der Patientin werden Fr. Chaos und Schwester Notfall aggressiv und zynisch:

“Die…Frau…ist…VÖLLIG…Banane…!” keucht sie mühsam zwischen zwei Lachsalven. Jepp, das ist sie in der Tat. Aber sonst völlig gesund.

Banane mag sie sein. Völlig gesund vielleicht nicht. Denn sie inszeniert scheinbar wieder und wieder, wie hier in der Klinik eine Situation in der sie nervt und man sich über sie lustig macht. Nun ist davon auszugehen, dass die Abwertung, die Chaos und Notfall der Frau Fontane gegenüber empfinden nicht für den schlechten Charakter der beiden spricht sondern für das innere Erleben der Patientin selber. Diese Gefühl sind aber so unerträglich, dass sie nicht ausgehalten werden. Daher werden sie durch unbewusstes Verhalten (das man selber gar nicht als problematisch wahrnimmt) in andere Menschen hereinprojiziert. Zack: Da hatten für immerhin 10-20 Minuten Chaos und Notfall das Problem und nicht mehr die Patientin. Hat schon geholfen.

Man nennt das Gegenübertragung, wenn eigene schwer erträgliche Gefühle (hier z.B. der Ablehnung und des nicht ernst Nehmens) von den anderen im Kontakt wahrgenommen werden. Die Ursache dieser Gefühle bei Frau Fontane liegt aber gar nicht an der langen Wartezeit oder der (von der Patienten erlebten) diagnostischen Inkompetenz der Ärzte sondern viel weiter zurück in der Vergangenheit, oft in den ersten Lebensjahren. In der aktuellen Situation (hier beim Klinikbesuch wegen Schmerzen) wird nun versucht, sich aus der Spirale von „abgelehnt werden“ und „peinliche, lachhafte Kreatur sein“ zu befreien, endlich jemanden zu finden der einen doch ernst nimmt. Bei Ärzten wird dies besonders häufig versucht, da man davon ausgeht, sie müssten jeden so nehmen wie er ist und jedem gleichermaßen helfen. Ihr eigenes Verhalten kann Frau Fontane nur leider nicht so kritisch betrachten wie z.B. die langen Wartezeiten in der Klinik – und genau das macht die Sache so scheinbar ausweglos.

Chronischen Schmerzen ohne körperlichen Befund gehen oft körperliche Gewalt und Traumatisierungen, auch sexuelle Gewalt voraus. Diese Menschen laufen durch ihr Leben immer in der Hoffnung doch noch anerkannt zu werden, respektvoll behandelt zu werden. Sie hoffen, dass der Schmerz (z.B. vom Arzt in der Notaufnahme) genommen werden kann. Das geht natürlich nicht, das haben sie schon bemerkt. Durch das fordernde und aggressive Auftreten verhindern sie, dass man sich wirklich um sie kümmern möchte und so läuft der Teufelskreis des Schmerzes und der entnervten Ärzte immer weiter. Denn der eigentlich Grund für Schmerz und Ablehnung, für das Lachen über sie (die Pein) ist ja allen Beteiligten unbewusst. Auf Dauer kann nur eine Arbeit an dem Trauma oder was auch die Ursache sein mag helfen und die stückchenweise Bewußtmachung der Zusammenhänge.

Wichtig zu sagen ist noch, dass natürlich auch noch eine internistische Ursache wie z.B. Sigmadivertukolse (eine Darmerkrankung) oder z.B. schmerzurache an Muskeln oder Bändern in Frage kommt…. Aber Frau Chaos hat ja alle nötigen Überweisungen / Konsile in die Wege geleitet. Das schlimmste ist, wenn „psychischer Schmerz“ und echte gefährliche Schmerzursachen zusammenkommen und man als Arzt die Notfälle leicht übersieht, weil ja die Patienten so BANANE wirken – habe ich in der Notaufnahme nicht selten erlebt.

Übrigens habe ich in der Psychosomatik auch schon Patienten mit 120 Rettungsstellenbesuchen in einem Jahr erlebt, mit 3 Ordern voll mit den Kurzbriefen…

Frohe Weihnachten Euch allen!

Bis bald, Euer PsychoSomaDoc

Advertisements